05.12.2018 - Josef Ritler

Aus dem Priester wurde nichts

Wie ich fast Priester wurde und an der Realität scheiterte. Eine Geschichte, die das Leben schrieb.

 

Der Spaziergang mit meiner 10-köpfigen Familie zur weihnachtlichen Mitternachtsmesse in der Pfarrkirche in Naters VS war jedes Jahr eine besondere Herausforderung. Unser Vater Ludwig bestand darauf, dass alle auf einem Glied Arm in Arm zur Kirche pilgerten. Die Erfahrungen als Feldweibel in der Armee muss ihn dazu inspiriert haben.

So stampften wir los und beanspruchten dabei die ganze Strassenbreite. Der Verkehr musste warten. Die wenigen Automobilisten hatten Verständnis für den seltsamen Brauch. Eindrücklicher war für mich in der Kirche der Chor und der Dorftrompeter, der das Weihnachtslied "Stille Nacht" in die Stille posaunte. Das ging durch Mark und Bein.

Und erst noch der Pfarrer, der uns mit gesalbten Worten die Weihnachtsgeschichte näher brachte.

Ich beschloss, es dem Pfarrer gleich zu tun, wollte die himmlische Atmosphäre auch in unserer Stube erleben. Darum baute ich einen Altar auf und bat die Familie, am darauffolgenden Sontag meine Messe zu besuchen.

Da stand ich nun vor meinen Eltern, den fünf Schwestern und zwei Brüdern und segnete sie. Da konnte sicher nichts schief gehen. 

Während meine Mutter voller Stolz vermutete, dass aus mir  einmal ein Pfarrer werden könnte, kicherten die Geschwister und fanden die von mir theatralisch vorgebrachten Aktivitäten  lustig. Ich fand das Gehabe  schliesslich peinlich und beendete den Versuch mit einem verzweifelten "Oh mein Gott! Was hast Du mir da angetan!" Aus dem Priester wird da wohl nichts.

Mehr Erfolg hatte ich ein Jahr später, als ich unter dem Christbaum eine WESA-Bahn aufbaute, mit der ich die Geschenke zu meinen Geschwistern transportierte. Draussen tuckerte die letzte noch fahrende Dampflokomotive auf der Furkabahnstrecke vorbei.

Wochen später besuchte uns ein Pallottiner und versuchte mich auf den geistlichen Weg zu bringen. War das Zufall? War das eine Eingebung Gottes? Ich habe es nie erfahren. 

Einige Jahre später hat mich ein anderer Pfarrer aufgemuntert:"Du bist auf dem richtigen Weg!  Du wirst in deinem Beruf auch vielen Menschen Freude bereiten."

Heute ist Bundesratswahl. Eine schöne Bescherung? Heiliger Bimbam!

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