06.01.2019 - Hanspeter Stalder

Ausgestossen-Sein als Chance

Der Film «Sibel» von Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti ist eine psychologisch und symbolisch stimmige Parabel über das Eingeschlossen- und vor allem das Ausgeschlossen-Sein.

Der 2018 am Filmfestival von Locarno uraufgeführte Spielfilm «Sibel» des türkisch-französischen Paares Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti beginnt mit einer gefilmten Röntgenaufnahme, die in Seitenansicht einen menschlichen Schädel zeigt, dass wir sehen und hören, wie ein Mund mit Rachen und Zunge Pfeiftöne erzeugt. Gepfiffen wird in diesem Film viel. Das hat einen tieferen Sinn. Denn die Geschichte ist in einer Region angesiedelt, wo Menschen die althergebrachte Pfeifsprache noch beherrschen und pflegen. Das hat auch damit zu tun, dass im zerklüfteten Berggebiet an der türkischen Schwarzmeerküste mit Pfeiftönen über grosse Distanzen, Abgründe und Berge hinweg kommuniziert werden kann. Diese Pfeifsprache gehört im Film elementar zur Handlung und Zeichnung der Hauptfigur.

Sibel, ein weibliches «enfant sauvage», lebt in einem Dorf, in dem ihr Vater als Bürgermeister amtet und den lokalen Laden führt. Sie spticht keine andere Sprache als Pfeifen, denn sie ist seit ihrem fünften Lebensjahr stumm, kann sich jedoch dank des Pfeifens in ihrer Umgebung einigermassen verständigen. Ihre Mutter ist gestorben, geblieben sind ihr Mann, der Vater der jüngeren Tochter Fatma, integriert und konventionell, und der älteren Sibel, vogelfrei und ausgestossen. Im Haushalt übernimmt diese die Rolle der Mutter, von den Dorfbewohnern wird sie abschätzig behandelt. Doch insgeheim beneiden sich Sibel und Fatma wegen ihren je anderen Freiheiten gegenseitig.

Mit dem Vater versteht sich Sibel gut

Vielschichtig wie das Leben

Ihr Stumm-Sein hat Sibel in die Aussenseiterrolle gezwungen, obwohl sie auch oft und gern allein ist und mit ihrer Flinte bewaffnet den Wald durchkämmt, wo sie sich ein kleines Refugium gebaut hat. Während sie versucht, einen Wolf zu erlegen, der, wie man glaubt, das Dorf bedroht, stösst die wilde junge Frau eines Tages auf einen Fremden, auf Ali. Dieser ist verwundet, und Sibel pflegt ihn. Während sie im Dorf als minderwertig behandelt wird, erfährt sie bei ihm, dass er ihr ohne Vorurteile begegnet und dass Sinnlichkeit bei ihrer Selbstfindung eine Rolle spielt. Um das Hauptthema des Films ranken sich Fragen zu Tradition, Mythen, Sitten, Militär und Ehre. Und mit der Polarität zwischen der angepassten Fatma und der unangepassten Sibel wird ein allgemein menschliches Thema ausgeleuchtet.

Das französisch-türkische Filmer-Duo Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti ist im wirklichen Leben ein Ehepaar. Nach mehreren kurzen und zwei langen Filmen holte sich ihr dritter Spielfilm «Sibel» in Locarno den Preis der ökumenischen Jury und der Fipresci, in Montpellier den Publikumspreis und am Adana Film Festival die Preise für den besten Film, die beste Hauptdarstellerin und die beste Nebenrolle.

Ali bei Sibel in der Waldhütte

Aus einem Interview mit Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti

In der Realität gefunden und in Kunst übersetzt

«Woher stammt die Idee zu «Sibel»?

2003 lasen wir ´The Languages of Humanity´, ein Buch mit einem unglaublichen Wissensschatz. Darin ist ein kleines Dorf im Nordosten der Türkei erwähnt, in dem die Einwohner sich mittels Pfeifen verständigen. Das beeindruckte uns. Ein Jahr später besuchten wir das Dorf. Aus einer fast ethnografischen Neugier heraus wollten wir uns überzeugen, dass diese gepfiffene Sprache wirklich existiert. So kamen wir nach Kusköy, dem ´Dorf der Vögel´. Dieses inspirierte uns, die Figur der Sibel zu entwickeln.»

Von der Ausschliessung zu einer neuen Identität

«Wer ist Sibel, wie würden Sie sie beschreiben?

Sie ist keine typische Vertreterin der türkischen Gesellschaft. Sibels gibt es überall auf der Welt. Frauen, die innerhalb gesellschaftlicher Schranken in einer klar definierten Rolle gefangen sind. Sibels Weg ist eine Form von Emanzipation. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung ist sie weniger von den Regeln betroffen, die andern Frauen täglich auferlegt werden. Von ihrem Vater wurde sie frei und unabhängig erzogen. Sie besitzt einen scharfen Blick auf die Welt und sucht nach ursprünglicher, primitiver innerer Kraft. Ihre Suche nach dem wilden Tier, dem Wolf, widerspiegelt die Suche nach ihrer Identität.»

«Der Ausschluss ist der Kern des Films.

Wir haben mehrere Filme über gesellschaftliche Ränder gedreht, über Menschen an der Peripherie, denen kein Platz im Schoss einer Gruppe gegeben wird und keiner erobert werden kann. Man erfasst besser, wie eine Gesellschaft funktioniert, wenn man jene versteht, die sie ausschliesst. Wir glauben, dass Sibels Handicap sich in einen Vorteil verwandelt. Sie entwickelt sich anders, ausserhalb ihrer Kaste. Mütter haben keine Lust, ihre Söhne ihr für eine Hochzeit herzugeben. Während andern Frauen in ihrem Alter bereits Kinder haben, ist Sibel noch total frei.»

«Sibel evoziert vor allem auch das Verbotene. Niemand wagt das Dorf zu verlassen, weil Sibel unerbittlich hinter dem Wolf her ist. Was symbolisiert er?

Der Wolf ist eine Bedrohung, insbesondere für die Frauen, sie sollen nicht zu weit weggehen. Sibel verfolgt den Wolf. Sie will dadurch soziale Anerkennung erlangen. Es ist auch ein Ausloten der eigenen Angst, von der sie sich und alle andern befreien will. Was sie sucht, kann überall sein, sogar in ihr selbst. Der Wolf ist hier eine vielgestaltige Metapher, man kann viele Dinge in ihm erkennen oder in ihn hineinprojizieren.»

Sibel auf der Jagd nach dem Wolf

Das Fremde und Unbekannte, das zur Chance wird

«Im Wald trifft Sibel auf Ali, einen mutmasslichen Terroristen. Was bringt dieser Zufall?

Er schürt im Dorf die klassische Angst vor dem Fremden und Unbekannten. Wir denken, dass dieses Gefühl heute überall verbreitet ist: in Europa, Amerika, Asien und Afrika. In der heutigen Türkei wird einer wie Ali, der in den Wäldern herumirrt, sofort als Terrorist identifiziert. Wie er, so steht auch Sibel am Rand. Diese Begegnung interessierte uns: Beide Ausgeschlossenen beginnen sich mit der Zeit zu verstehen. Zwischen ihnen entsteht eine urtümliche, animalische, primitive Verständigung. Wie ihr Vater, so greift auch Ali nicht in Sibels Freiheiten ein, versucht nicht sie zu beherrschen, belegt sie nicht mit weiblichen Clichés.»

Das ganze Gespräch findet sich im trigon-magazin 83.

Titelbild: Sibel, grossartige gespielt von Damla Sönmez

Regie: Guillaume Giovanetti & Çagla Zencirci, Produktion: 2018, Länge: 95 min, Verleih: trigon-film 

Kinostart 10. Januar 2019

 

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