05.10.2018 - Maja Petzold

Der Schwarzwald – nah und fern zugleich

Wie schnell man aus der Hektik des Alltags aussteigen kann, erlebten wir bei einem Ausflug in ein Seitental des Schwarzwalds.

Seinen Namen hat der Schwarzwald von den ausgedehnten Nadelholzwäldern. Wenn man an einem strahlenden Herbsttag darauf zufährt, wirken die Berge schwarz, während die Oberrheinebene in allen Nuancen von Grün und Gelb erscheint. Im Mittelalter, als diese Berge ihren Namen erhielten, waren die dunklen Wälder den Menschen nicht ganz geheuer. Viele Sagen erzählen vom Grauen, das einen in den dunklen engen Tälern überfallen konnte. Von den Höhen fährt man durchs Höllental, von dem sich vor allem die Jäger abenteuerliche Geschichten erzählen, nach Himmelreich, der Pforte zum Freiburger Raum - das sagt alles aus über die Gefühle der Menschen.

Wir fahren diesmal an Freiburg vorbei bis auf die Höhe von Strassburg und biegen dann nach Osten, machen einen Zwischenhalt im hübschen Städtchen Oberkirch und fahren weiter auf enger werdenden Strassen nach Ödsbach. – Denkt man da nicht an eine unwirtliche Gegend, obwohl das Dorf heute nicht öde wirkt? Von nun an umfängt uns der Schwarzwald: Das Strässchen durch das Hengstbachtal wird so eng, dass Autos nur an einzelnen Ausweichstellen kreuzen können. Es erstaunt mich jedes Mal, wie schnell wir aus dem Obstgarten der Ortenau in die Wildnis gelangen. Mancher schon meinte, er hätte den Weg verpasst, doch schliesslich öffnet sich das Tal ein wenig und wir sind beim Hengsthof angekommen.

Hengsthof

In dieser Gegend wird der letzte Hof nach dem Tal benannt. 'Hengsthof' heisst dieser nach einem einzelnen Hengst, den die Menschen ca. Mitte des 17. Jahrhunderts an dieser Stelle fanden, nachdem sie vor Krieg und Pest geflohen waren. Ob es die gleichen waren, die sich hatten retten können, oder andere, die geflohen waren und einen neuen Wohnsitz suchten, kann Josef Huber, der Besitzer des Hengsthofs, nicht sagen. Immerhin besitzt seine Familie dieses Gut seit zwölf Generationen.

Dass Krieg und Seuchen bis in diesen abgelegenen Winkel kamen, lässt ermessen, welche Zerstörungen die Menschen damals erdulden mussten. Denn obwohl es vom Bahnhof Oberkirch bis zum Hengsthof nur knapp neun Kilometer sind, wähnt man sich weit weg, denn Handy-Empfang und Internetverbindung gibt es nicht, dafür muss man ein Stück bergauf laufen, bis die Hügel den Blick in die Oberrheinebene und die fernen Vogesen freigeben.

Auf den Höhen freie Sicht, im Wald stehen jetzt viele Pilze.

Es gibt keinen geeigneteren Ort, um sich vom Alltagsstress zu erholen. Vom Hengsthof aus kann man in alle Richtungen wandern gehen, es gibt zahllose Wege. Ob man sich auf dem richtigen Pfad zum Mooskopf, dem höchsten Berg der näheren Umgebung, befindet oder auf einem Holzweg, ist nur für Einheimische und geübte Orientierungsläufer leicht zu erkennen. Dazu weiss der Hengsthofchef eine kleine Anekdote, die man sich in dieser Gegend erzählt: Es kann nämlich geschehen, dass man einem alten Mann begegnet, der suchend durch den Bergwald irrt. Das sei der Moospfaff, der seit undenkbaren Zeiten in dieser Gegend anzutreffen sei, denn auf dem Weg zu einem Sterbenden sei ihm der Teufel oder ein anderer Tunichtgut begegnet. Vor Schreck habe der Pfaffe die Hostie verloren, er kam nicht rechtzeitig zu dem Sterbenden und tappt seitdem durch den Wald auf der vergeblichen Suche nach seiner Hostie.

Früher lernten wir in der Schule, dass die Bauern im Schwarzwald sehr arm gewesen seien und kaum vom kargen Boden ihrer kleinen Felder leben konnten. Ein Hof wie der Hengsthof gehört nicht in diese Kategorie, er beschäftigte Knechte und Mägde. Die Hengsthof-Besitzer betrieben für den Eigenbedarf Landwirtschaft auf kleinen Feldern und besassen ein paar Kühe und Schweine. Der Reichtum eines solchen Hofes besteht jedoch in den grossen Wäldern. Sepp, wie ihn alle nennen, als gelernter Land- und Forstwirt pflegt sein Familienerbe. In diesem äusserst trockenen und warmen Sommer musste er viele Bäume fällen, die vom Borkenkäfer befallen waren. – Wenn das Wetter nass genug ist, würden nämlich die Käfer rausgeschwemmt, erklärt er. Es sind zwei Käferarten: Der Buchdrucker frisst buchstabenähnliche Gänge in das Holz unter der Rinde. Der Kupferstecher trägt diesen Namen, weil er kleinste Löcher nebeneinander bohrt.

Die Weihnachtsbäume werden schon im Herbst in Kategorien eingeteilt.

Ende 1999 wurde der Wald durch den Sturm Lothar stark beschädigt, ganze Hänge waren voller umgestürzter Bäume. Sepp Huber hat aus dieser Notsituation einen Geschäftszweig weiterentwickelt: Er pflanzt Weihnachtsbäume an und veranstaltet nun vor Weihnachten grosse Events, wo man sich seinen Baum selbst aussuchen und, wenn gewünscht, selbst schneiden kann.

Und was macht ein Schwarzwaldbauer, wenn er keine Gäste hat und sich nicht um seine Bäume kümmern muss: Er brennt Schnaps, Kirschwasser vor allem, aber auch Topinamburschnaps oder Blutwurz für die Verdauung, dazu leckere Liköre aller Art. Da ist der Hengsthof keine Ausnahme. An fast jedem Haus sieht man eine kleine Brennerei. Ein Gläschen oder zwei zu probieren, gehört hier zu jedem Besuch.

Zwar ist der Hengsthof abgelegen, aber mit modernster Technik ausgestattet. Das Haupthaus hat Solarzellen auf dem Dach; die Heizung läuft mit Holzschnitzeln aus der eigenen Waldwirtschaft, und die stets reichlich fliessende Quelle des Hofes spendet nicht nur hervorragendes Trinkwasser, sondern der Hengsthof nutzt das Wasser in einem kleinen Kraftwerk für die Stromerzeugung. Damit ist der Hof vollkommen autark. Seit Jahrzehnten wird der Hengsthof als Waldpension geführt, in erster Linie nur für geschlossene Gruppen. - Wer aber kurzfristig anfragt, findet vielleicht noch ein freies Zimmer. - Wenn bei schönem Wetter Wanderer vorbeikommen und sich erkundigen, wo sie einkehren können, verweisen wir sie dorthin, wo es die beste Schwarzwälder Kirschtorte weit und breit gibt: nach Kalikutt, ein kleines Schwarzwaldhotel, das sich auf der Höhe in einer kahlen Mulde befindet – das ist die Bedeutung dieses exotisch klingenden Namens.

Hier geht's zum Kalikutt
Alle Fotos: mp

Kommentare

Danke für die interessante Beschreibung! Ich reise und wandere oft und würde gerne einen bebilderten Artikel für das Seniorweb  schreiben. Sind Sie daran interessiert?

Mit bestem Gruss

Justin Koller

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