16.05.2018 - Maja Petzold

Die Geister, die ich rief

Die Jahre der Diktatur von General Pinochet waren für viele Chilenen traumatisch. Im Roman "Die Strasse zum 10. Juli" arbeitet Nona Fernández an diesen Erinnerungen.

Die Figuren dieses Romans haben mit Trümmern aller Art zu tun. Alle Gebäude in Juans Viertel in Santiago sollen abgerissen werden, um einem modernen Einkaufszentrum Platz zu machen. Greta, eine Jugendfreundin von Juan, hat ihre kleine Tochter bei einem schrecklichen Schulbus-Unfall verloren. Um diesen Schock zu bewältigen, hat Greta begonnen, in der Strasse zum 10. Juli, der Strasse der Autoersatzteil- und Schrotthändler, alte Autoteile zusammenzusuchen, um den Bus wieder zusammenzubauen.

Aber um diese Trümmer geht es weniger, sondern eher darum, wie die Werte einer Gesellschaft, die Ideale derer, die mit Salvador Allende sympathisiert hatten, zusammenbrachen. Als General Pinochet mit seiner Militärjunta und mit der Unterstützung der USA im September 1973 den demokratisch gewählten, sozialistisch ausgerichteten Allende stürzten, wurden unzählige Chilenen ihrer Existenz beraubt, sie mussten fliehen, untertauchen, Tausende wurden ermordet oder wurden gefoltert und 'verschwanden' bis heute. Pinochet stellte sich nie einer Wahl, im März 1990 trat er zurück.

Seitdem herrschen in Chile wieder demokratische Gesetze – aber die Menschenrechtsverletzungen der Diktatur wurden nie aufgearbeitet. Darum geht es in diesem Buch: Die chilenische Gesellschaft scheut sich anzuschauen, was gewesen ist, und kann folglich denen, die in der Diktatur gelitten haben, nicht die geschuldete Achtung und Genugtuung gewähren, stattdessen erhält vor allem der ökonomische Fortschritt freie Bahn – und mit ihm die Konsumgesellschaft.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, als der neue riesige Einkaufspalast anstelle des ehemaligen Gymnasiums von Juan und Greta errichtet wird, dem auch das Elternhaus von Juan, der sich vehement dagegen wehrt, weichen muss. Die andere Ebene spielt 1985, als Juan, Greta und ihre Freunde die letzte Klasse des Gymnasiums besuchten und sich für eine bessere Gesellschaft einsetzten. Beide Ebenen werden im Laufe des Romans immer enger verknüpft. Für die jungen Menschen ging die Welt schon 1985 in Trümmer, aber niemand wollte es wahrhaben. Und knapp zwanzig Jahre später baggern die erfolgshungrigen Unternehmer alles weg, was ihren Interessen im Wege steht.

Nona FernandezNona Fernández   Foto © Marcelo Leonart

Nona Fernández hat ungefähr das Alter ihrer Romanfiguren. 1971 in Santiago de Chile geboren, ist sie seit ihrer Schauspielausbildung als Drehbuchautorin, Schauspielerin und freischaffende Schriftstellerin tätig. Sie veröffentlichte einige Bände mit Erzählungen und einen Roman, sie erhielt dafür verschiedene Preise. Für ihren Lebensunterhalt schreibt sie Drehbücher fürs Fernsehen, was sich an ihrem Stil erkennen lässt: Sie schreibt knapp, und die Ausdruckskraft ihrer Texte schafft sie durch die Dialoge. Nona Fernández' Werke werden nicht nur in Chile stark beachtet, sondern in ganz Südamerika.

Die Autorin hat ihren Roman raffiniert aufgebaut: Beide Erzählstränge werden zunächst einzeln geführt. Es beginnt mit einer tagebuchartigen Aufzeichnung von Juan, in der er sich an seine Schulfreundin Greta erinnert. Danach erfahren wir, wie dringlich der Abriss und wie gefährdet Juans Existenz ist, nicht nur durch die Bauvorhaben, sondern ganz persönlich: Er hat seine Arbeit verloren, besitzt keinerlei finanzielle Reserven ausser diesem Haus, das er nicht aufgeben möchte. Auch Maite, seine Frau, hat ihn verlassen.

Greta ist ebenfalls an den Rand geraten. Nach dem Tod der Tochter ging die Ehe mit ihrem Mann Max auseinander – Max wollte sich der Trauerarbeit nicht stellen. Greta dagegen stürzte sich mit ihrem Projekt in diese Trauer und verlor damit die Kraft für ihre Arbeit als Lehrerin. Als der Bus fertig ist, fährt sie los – auf der Suche nach Juan. Aber sie findet ihn nicht in seinem Haus, das sie von früher her kennt. Sie findet ihn auch nicht beim Gymnasium, wo er zuletzt auf dem Dach gesehen worden war, als der Abbruch begann.

Es sei hier nicht verraten, wie sich die beiden wieder begegnen, wie auch die anderen Freunde aus der revolutionären Jugendgruppe wieder auftauchen, ja sogar die verunglückten Kinder haben einen Platz. Es gehört zum schriftstellerischen Geschick der Autorin, Unwahrscheinliches, ja Wunderbares schlicht und wie selbstverständlich zu erzählen. Das erinnert an den magischen Realismus, den andere südamerikanische Schriftsteller ebenfalls gepflegt haben. Nona Fernández geht es darum aufzuzeigen, dass nichts unter einem Deckel gehalten werden kann, ohne dass es darunter nicht brodelt.

Fernandez BuchtitelEs ist ein starker Roman! Für Chilenen ist er wohl leichter zu verstehen, denn es ist zu vermuten, dass viele Détails von der Autorin bewusst gewählt sind. Zum Beispiel ist der Titel (span.: Av. 10 de julio Huamachuco) nicht nur des Ersatzteilhandels wegen so gewählt, der Name bezieht sich auf den Sieg Chiles über Peru im sogenannten Salpeterkrieg (1879-1884), der Chile den Abbau von Salpeter im Norden und damit einen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichte, erkauft mit den Folgen eines für die Bevölkerung verheerenden Krieges, besonders in Peru und Bolivien. Über eine Aussöhnung wird mehr als ein Jahrhundert später immer noch gerungen.

Nona Fernández: Die Straße zum 10. Juli
Roman. Aus dem chilenischen Spanisch von Anna Gentz. Septime Verlag Wien; 336 Seiten. ISBN 978-3-902711-19-9;  auch als E-Book erhältlich.

Dieses Buch ist in der Reihe "Der Andere Literaturclub" erschienen, einem Projekt von artlink, Büro für Kulturkooperation, das mit litprom verbunden ist. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

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