03.01.2019 - Justin Koller

Die Pelzmartiga von Kandersteg

Ein wilder Brauch – gefeiert am Weihnachts- und Neujahrstag

Von fern tönt ihr Auftreten wie eine Alpabfahrt. Seit einer halben Stunde folgen wir dem lauten Trupp der zehn vermummten Gestalten durchs Dorf. Nachmittags um vier Uhr liegt es bereits im Schatten. Über den blendend weissen Bergen ringsum lockt noch tiefblauer Himmel in der Neujahrssonne. Eine perfekte Stimmung für einen archaischen Brauch.

An Weihnachts- und am Neujahrstag ziehen von Mittag bis in die späten Abendstunden die Pelzmartiga durch das Dorf. Sie erschrecken Kinder und Jugendliche, fangen und umarmen sie. Mit Kettengerassel, Schellen und Treicheln mischen sie sich unter die Passanten und Wintergäste des Kurortes. Autos werden angehalten, man kennt sich, und ein Obolus in die Kasse des Lyrimaas, der an seinem Leierkasten kurbelt, macht die Weiterfahrt frei. Es sind Burschen aus dem Dorf, die bald in die Rekrutenschule einrücken müssen. Sie wünschen das neue Jahr an und vertreiben die bösen Geister durch ihren Heidenlärm – im wahrsten Sinne des Wortes.

Blätzlimaa, Lyrimaa und Grossmarti heischen eine Spende

Der Grossmarti trägt eine Pelzhaube und ist in Fell gekleidet, erinnert an die frühere Furcht im Tal vor Bär und Wolf. Er ist ein hochgeschossener, alpiner Turm aus Fell auf zwei Beinen, von seiner Gestalt leitet sich der Name Pelzmartiga für die Brauchtumsgruppe ab. Der Spielkartenmann, über und über mit Jasskarten bedeckt, warnt vor Spielsucht und Wirtshaushockerei, welche manche Familie in arge Bedrängnis führen konnte.

Spielchartemaa und Grossmarti

Der Chindlifrässer trägt eine Maske mit weit aufgerissenem Mund und bedrohlichen Zähnen. Aus seinem Tornister baumeln Beine von Kindern, die ihm zum Opfer gefallen sind. Hungersnot und Krankheiten wie die Pest forderten bis ins 19. Jahrhundert viele Opfer unter den Kindern des Dorfes. Das Huttefroueli trägt in ihrer Hutte aus Weidengeflecht ihren in Uniform steckenden kriegsversehrten Mann. Das mag an den Franzoseneinfall von 1798 und andere Kriege erinnern.

Mittlerweile strahlt nur noch die 3660 Meter hohe Blüemlisalp im letzten Alpenglühen. Die wilde Horde hat sich mit einem Glas Weisswein in der Sportbar der Eiskunsthalle gestärkt. Nun geht es weiter zum Restaurant Schweizerhof. Die Vermummten sind eigentlich sehr liebevoll. Ihre Umarmung fühlt sich an wie mit zwei riesigen Staubwedeln. Wenn man sich dem archaischen Ritual nicht entziehen will, faszinieren die Masken durch ihre Direktheit. Darunter erkennt man erhitzte Gesichter flotter junger Männer. Wer mit ihnen spricht erfährt, dass sie stolz auf ihre Tradition sind.

Huttefroueli und Chindlifrässer

Der Blätzlibueb oder Lumpemaa in einem Gewand aus lauter Stofffetzen, hält dem Beobachter vor Augen, dass Zeiten bitterer Armut im Dorf noch gar nicht so weit zurückliegen. Das Burli, ein einfacher Dorfbewohner mit Tabakpfeife und Zipfelmütze, geh fast unauffällig mitten im wilden Treiben seines Weges. Bleibt noch das Herri, ein vornehmer Herr im Frack, Zylinder und mit weissen Handschuhen. Er hält mit seiner Peitsche die ganze wilde Bande immer wieder zusammen und weist sie in Schranken.

Das Herri und der Grossmarti

Schon Kelten und Germanen kannten um die Wintersonnenwende Bräuche, die mit abschreckenden Gestalten die bösen Geister vertreiben sollten. Bedrohende Mächte der Natur und der Geisterwelt können gebannt werden, wenn man ihnen in ihrer eigenen Gestalt entgegentritt. Doch dies ist nur die eine Seite. Die Masken dürften auch die Natur- und Ahnenwesen darstellen, welche den Lebenden Fruchtbarkeit, Glück und Segen bringen. Eine Verwandtschaft mit ähnlichen Bräuchen besteht in benachbarten Tälern des Berner Oberlands und im nahen Lötschental.

Teaserbild: Der Chriesmarti mit seinem Reisiggewand
Alle Fotos: © Justin Koller

Gastautor: 
Justin Koller
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