01.11.2018 - Judith Stamm

Digital zum zweiten Mal

Vor wenigen Tagen, am 25. Oktober, fand der zweite schweizerische Digitaltag statt. Wie schon letztes Jahr, machte ich einen kurzen Besuch im HB Zürich. Mit nachhaltiger Wirkung.

Und wieder wurde die ganze Schweiz mit der frohen Botschaft überzogen: „Digital sein ist alles“. An den verschiedensten Standorten, so auch im Hauptbahnhof Zürich, wurde das Publikum mit den Möglichkeiten der digitalen Welt vertraut gemacht. Keine Mühe, kein Aufwand wurde gescheut, um Geist und Gemüt der Besucherschar digital zu beeinflussen.

 

 

Seniorweb am Digitaltag

Seniorweb war am Digitaltag durch den Chefredaktor der Internetplattform, Linus Baur, vertreten. Das erfuhr ich aber erst am nächsten Tag, als ich eine Reportage mit Bildern darüber im „Blick“ fand. Auf Seite 3 oben. 

Ich gestehe, ich bin mächtig stolz auf Linus Baur, der so gar keine Berührungsängste mit der digitalen Welt zeigte. Unter den Rentnerinnen und Rentnern gibt es einige, die dieser neuen Welt gegenüber ihre Vorbehalte haben. Vorbilder ohne Scheu im Umgang mit dieser Technik sind deshalb von grösster Bedeutung. Denn die Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten. Entweder knien wir uns hinein. Oder wir werden über kurz oder lang abgehängt.

Linus Baur machte es vor, er kurvte mit einer virtuellen Drohne herum. Diese soll in Zukunft Post ausliefern. Er testete den digitalen Physiotherapeuten Max. Eine Möglichkeit, deren Nützlichkeit ich mir noch nicht so recht vorstellen kann. Auch  dieses Jahr war ein kleiner Roboter, der Swiss-Roboter Nao, mit von der Partie. Dieser grüsste Linus Baur ganz artig.

Linus Baur fliegt mit einer virtuellen Drohne

 

Sinn und Zweck des Tages

Für mich persönlich war die Schau im HB Zürich zu wenig übersichtlich, die einzelnen Präsentationen zu wenig zugänglich. Unsere herbstliche Waren- und Vergnügungsmesse in Luzern scheint mir besser organisiert. Jedenfalls finde ich da, was ich suche. An der Ausstellung in Zürich wusste ich nicht einmal, was ich denn suchen sollte. Aber einfach aufgeben, wollte ich auch nicht. Deshalb informierte ich mich nachträglich durch das Fact Sheet zum Digitaltag. Da erfuhr ich dann alles. Dieser Aktionstag soll die Digitalisierung für die Schweizer Bevölkerung vor Ort erlebbar machen, eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema auslösen sowie die Chancen und Herausforderungen aufzeigen.

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema

Der zweite Punkt sprach mich an. Ich verschaffte mir ein Interview mit der Geschäftsführerin und Gesamtleiterin des Events, mit der 45jährigen Birgit Pestalozzi. Meine Hochachtung für ihre Leistung hat sie. Interessant fand ich ihre Ausführungen über die digitale Transformation, die sie die vierte industrielle Revolution nennt. Den folgenden Vergleich finde ich originell. Die Dampflokomotive habe 70 Jahre benötigt, um sich global durchzusetzen. Snapchat habe in nur drei Jahren 50 Millionen User erreicht. Eine ähnliche Aussage machte kürzlich unser Bundeskanzler Walter Thurnherr. Das Automobil sei 1905 erfunden worden. Aber es habe bis 1960 gedauert, bis wir ein Nationalstrassennetz gehabt hätten. Soviel Zeit stünde uns heute im Hinblick auf die Digitalisierung nicht mehr zur Verfügung.

Die Welt verändert sich rasant. Das spüren wir alle. Menschen im Ruhestand stehen da einem besonderen Zwiespalt gegenüber. Sie haben zwar Zeit. Aber haben sie auch Zeit genug, sich all diesen neuen Entwicklungen anzupassen?

Linus Baur testet den digitalen Physiotherapeuten Max

 

Cybathlon

Zufällig hatte ich vor längerer Zeit am Fernsehen einen Cybathlon gesehen, einen Wettkampf für Athleten mit Behinderungen, welche durch robotische Assistenzsysteme unterstützt werden. Den ersten Cybathlon organisierte die ETH Zürich. 2020 wird sie die erfolgreiche Veranstaltung wiederholen. 

Im Begleitmagazin zum Digitaltag 2018 fand ich einen aufschlussreichen Artikel über Exoskelette. Das sind Stützstrukturen mit am Körper befestigten Robotern, welche den Krafteinsatz und die Bewegungen des Trägers unterstützen und verstärken. Gelähmte Menschen können sich erheben und ihren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen. Das finde ich eine faszinierende Möglichkeit der neuen Technik. Auch wenn der Weg bis zur Reife dieser Hilfsmittel noch lange ist. Sie werden für viele Menschen das Leben total verändern. 

Genau wie die zugrunde liegende Technik auch unser Leben täglich verändert.

 

Linus Baur trifft auf Swss-Roboter Nao

 

Leise Skepsis

Und jetzt kann ich eine ganz leise Skepsis, ein ganz leises Unbehagen doch nicht unterdrücken. Es betrifft unsere Bundesbehörden. Von drei Bundesräten wurde der Digitaltag 2018 besucht. Im HB Zürich war Bundespräsident Alain Berset der Star. Ich hörte Jugendliche einander fragen: „Wo ist der Berset?“ Und dann eilten sie zielgerichtet auf einen Raum zu, in welchem der Bundespräsident seine Nähe zur digitalen Welt demonstrierte.

War es ein makabrer Scherz des Schicksals, dass genau am Digitaltag SRF folgende Meldung verbreitete: „Wieder IT-Debakel beim Bund. Die IT-Probleme bei der Steuerverwaltung reissen einem Bericht der Finanzkontrolle zufolge nicht ab“. Die Probleme wurden aufgelistet, weitere wurden benannt. Erstaunt reibt man sich die Augen. Drei Bundesräte am Digitaltag. Aber zuhause Ungemach mit einer neuen Software in der eidgenössischen Steuerverwaltung.

Tja, ich hoffe doch sehr, dass der Digitaltag unsere Bundesräte zur „vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema“ im eigenen Hause angeregt hat.

Fotos: BLICK

 

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