11.04.2019 - Andreas Iten

Eine Reise nach Italien

Am Ende war ich sehr glücklich...

 

Italien ist das ewige Sehnsuchtsland des nordischen Menschen. Dieser Sehnsucht habe ich wieder einmal nachgegeben und habe im kleinen Kreis Städte besucht, die ich schon von früher her kannte.
 

Deshalb vernachlässigte ich einige Kirchen und Museen und zog ihnen die Piazzas vor, wo ich an der Sonne oder unter einem Sonnendach sass und Menschen beobachtete. Ein buntes Volk von Italienern und Besuchern aus aller Welt promenierte an mir vorbei. Ich versuchte einzuschätzen, wie sich das sinkende Bruttosozialprodukt, in Italien PIL genannt, auf die Einheimischen auswirkt. Diese meine Beobachtungen blieben sehr fragmentarisch, da ich bloss als Tourist mit positiven Vorurteilen und erhabenen Gefühlen in Bologna ankam. Während einige das Etruskische Museum besuchten, setzte ich mich auf die Piazza Maggiore und trank einen Prosecco. Ich besuchte in Ravenna das Grabmal von Dante, die Mosaikkunst liess ich diesmal wieder zugunsten einer Ruhepause auf der Piazza del Populo weg. Von Ravenna ging es weiter nach Urbino, über Assisi und Arezzo, wo wir das Geburtshaus Petracas besuchten. Siena  und Lucca waren weitere meine Italiensehnsucht befriedigende Orte. Der Schlusspunkt bildete Certosa di Pavia mit dem monumentalen Kloster, das ursprünglich für Kartäuser gebaut worden ist. Der Herzog von Mailand, Gian Galeazzo Visconti» hatte es gegründet. Der Geist der Kartäuser ist längst verflogen, dafür ziert die Kathedrale sich mit Machtposen der Mailänder Herzöge und anderen Granden. Der Reichtum an Kunst und Architektur, ist das, was ich an dem Land so sehr liebe und schätze. Es gibt kein anderes Land, in dem die Kulturen der Völker so viele, die Jahrhunderte überlagernden Spuren hinterlassen haben.

 

Meine Kolumne ist aber kein Reisebericht. Im «L`Espresso» der Zeitung «La Repubblica» stand, die modernen Menschen seien Söhne des Leeren. «Siamo tutti figli del vuoto». Einerseits sei die alte Welt zu destruieren, andererseits sei sie neu zu konstruieren. Dieser Gedanke beschäftigte mich. Dass die alte Welt destruiert und von globalen Netzwerken neu dargestellt wird, erlebt jeder täglich. Was verloren gegangen ist, findet kaum ein vertieftes Echo in der öffentlichen Diskussion. Die Fiktion beginnt die Realität zu überstrahlen und nistet sich in alle Lebenswinkel ein. Plötzlich erschien mir auch die überragende italienische Kunst wie die Fiktion eines Lebens, das kaum noch Fragen über Herkunft und Geschichte auslöst. Sie wird einfach konsumiert.

 

Was ich aber in Italien erlebte, zeigte mir vordergründig ein anderes Bild. Unzählige Kolonnen von Schülerinnen und Schülern pilgerten zu den Kulturschätzen des Landes. Lehrerinnen und Lehrer referierten mit Begeisterung über die jeweiligen Schätze der Kunst und der Historie. Die Werke sollten die Herzen der Schüler mit Ehrfurcht erfüllen. Stolz sollten sie werden auf ihr Land, ihre Herkunft und ihre Kultur sein. Gespannt lauschten sogar die Kleinsten der Volksschule der Lehrerin, die vor Dantes Grab erzählte, wer hier beigesetzt worden ist. Ob diese Exkursionen die nachwachsende Generation immun macht gegen das Seichte, das Leere, das Laute, gegen die Sturzflut von Informationen und Handybildern, blieb mir zweifelhaft, denn ich zappte abends im Zimmer manchmal von Sendung zu Sendung und stiess auf keine, die mich befriedigte. Was Italien gross gemacht hatte, dürfte doch nicht durch die dauernde Banalisierung des Alltags übertönt werden. Ich hoffte bloss, dass die Besuche in den Kunststätten Wurzeln in den Schülern und Studenten schlagen. Vielleicht werden diese jungen Menschen einmal helfen zu verwirklichen, was im modernen Leben Not tut, in einer Welt, wo so viel zerstört wird, in einer Gesellschaft, in der die  Natur ausgebeutet und zugleich verseucht wird, wo soziale Schichten sich trennen und sich hasserfüllt gegenübertreten. Ich hätte wohl keine Zeitungen lesen dürfen.

 

Unterwegs nahm ich auf der Reise aber nichts von dem wahr. Vielmehr begegnete ich lauter freundlichen Menschen, ob jung oder alt. Der Kleinbus verirrte sich in Siena im Strassenlabyrith. Der Fahrer wusste nicht, wie er aus der engen Gasse herauskommen sollte. Hinter unserem Fahrzeug fuhr ein junger Mann in einem kleinen Fiat, er blieb ruhig, hupte nicht, verwarf nicht seine Hände. Als der Chauffeur schliesslich ausstieg und ihn fragte, wo er das Hotel finden könne, bat ihn der Mann, hinter ihm nachzufahren. Er werde uns den Weg zeigen. Er führte uns auf die Anhöhe. Eine Belohnung lehnte er ab. Er war zufrieden mit unserem Dank und freute sich, dass er uns helfen konnte. In Perugia schon hatten wir einen ähnlichen Fall erlebt, als wir das Hotel «Fortuna» suchten, weil uns das GPS am Narrenseil herumführte. Ein Arbeiter sprang ein, das Auto zu steuern, es zu wenden und erklärte zugleich, wo das Hotel Fortuna zu finden sei. Fortuna, das ist der Name der Glücksgöttin. Wir waren glücklich und zugleich Beglückte, also fortunati. Würde ich erst erzählen, wie die Hotelzimmerdecke mit Symbolbildern von einem Künstler geschmückt aussah, würden auch andere Reisende als Fortunati dort leicht und sanft einschlafen.

 

Das PIL sinkt, aber die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Italiener nimmt zu, das ist ein hoffnungsvoller Gedanke, den ich mit nach Hause nehmen durfte.

 

Gastautor: 
Andreas Iten
Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben