12.03.2019 - Ruth Vuilleumier

Flohmarktbilder werden Kunst

Erste Einzelausstellung der US-amerikanischen Künstlerin Margot Bergman im Museum Langmatt in Baden.

 

Margot Bergman…wer ist Margot Bergman? Erstmals werden Werke der 85-jährigen Künstlerin in Europa ausgestellt. Eher zufällig entdeckt hatte sie der Direktor des Museums Langmatt, Markus Stegmann, an der Art Basel 2017. Schon etwas müde vom Kunstbetrieb blickten ihn aus einem Nebenraum plötzlich Augen aus Porträts an und liessen ihn nicht mehr los. Er musste mehrmals wiederkehren, um seinen ersten Eindruck zu überprüfen und entschied sich dann, Werke dieser Künstlerin in „seinem“ Impressionisten-Museum in Baden auszustellen. Möglich wurde das nur dank der Kooperation mit Urbane Künste Ruhr und dem Museum Folkwang Essen.

Margot Bergman, Foto aus einem Interview von 2016  

Die 1934 in Chicago geborene Margot Bergman hatte Malunterricht am Art Institute of Chicago und ist seit den 1950er Jahren künstlerisch tätig. Sie unterbrach ihre Arbeit jedoch immer wieder, um sich der Familie mit den drei Kindern zu widmen. Ihre Bilder werden seit den späten 1970er Jahren von Galerien in Chicago und Los Angeles gezeigt. Die Ausstellung in Baden gibt einen Einblick in ihr Werk der letzten fünfzehn Jahre und zeigt, dass künstlerische Eigenständigkeit nicht an ein Lebensalter gebunden ist. Höchste Zeit, ihre erfrischend unverstellte, archaische Malerei auch hier zu würdigen.

Margot Bergman, Nanette, 2003 acrylic on canvas mounted on wood 26,7 x 35,6 cm

Margot Bergman liebt es, durch Flohmärkte zu streifen und Bilder unbekannter Künstler mit Stillleben und Landschaften zu kaufen. Sie fing an, diese mit Gesichtern zu übermalen, setzte Augen, Lippen, Nase, Haare ein, so dass die vorgegebene Malerei mit einem Gesicht verschmilzt. Kennen wir das nicht: Wenn wir im Gebirge lange genug in die Felsformationen schauen, blickt uns plötzlich ein Gesicht, ein Troll, ein Wesen an, das wir nicht mehr vergessen können. In Nanette verfremdet sie ein Früchtestillleben zum Gesicht einer jungen Frau, in dem vieles durcheinandergerät, und doch blickt es uns ernst und gefasst entgegen.

Sonderausstellungen im Museum Langmatt beziehen sich in irgendeiner Weise auf die eigene Sammlung der figurativen Malerei des französischen Impressionismus. Bei der Wahl dieser Ausstellung finden sich Anknüpfungspunkte in der Porträtmalerei von Pierre-Auguste Renoir. Und die Porträts von Margot Bergman zeigen, dass das Genre der Porträtmalerei auch heute keineswegs überholt ist.

Margot Bergman, Lee, 2001, acrylic on canvas, 40,6 x 35,5 cm

Lee, das schwarz gerahmt Porträt hat die Künstlerin über einen kaum erkennbaren Bildgrund gemalt. Eine Frau, wohl mittleren Alters, die einem irgendwie bekannt vorkommt. Ihre unterschiedlichen Augen stehen weit auseinander. Das Linke, halbgeöffnet auf hellem azurblauem Grund, schaut wie in sich hinein. Das Rechte auf dunklem Grund ist weit offen und blickt nach oben, mit einem Glanzlicht in der Iris. Ihrem Haar entlang wächst ein dünner schräger Baumstamm, zuoberst angeschnittene Zweige mit Blättern. Der untere Teil des Gesichts mit den sinnlich roten Lippen wird von einer hellen halbrunden Konturlinie als Kinn abgeschlossen. In einer Gegenbewegung leuchtet eine halbrunde gelbe Form wie ein Sonnenuntergang durch den unteren Teil des Gesichts nach oben. Was mochte die Frau erlebt haben? Wo steht sie, die sicher einmal bessere Tage gekannt hatte.

Margot Bergman, Gena, 2001, acrylic on cardboard, 40,6 x 35,6 cm

Auch Gena, ihr offener Schlund mit aufgerissenen herzförmigen Lippen führt unseren Blick auf eine Strandpromenade, ihre grossen Augen schauen sinnend in die Ferne. Welche Erinnerungen mag sie „verschlungen“ haben. Springt die Emotion auch auf uns hinüber und erinnert vielleicht an eigene Erlebnisse?

 

 

In den Bildern der letzten Jahre malt Margot Bergman frei auf die Leinwand ohne vorgegebene Szenerie. Dabei rückt sie starke Frauen ins Zentrum. Gesichter von Frauen, die ein ganzes Leben ausdrücken von der Kindheit bis ins Alter. Auch wenn sie traurig und verletzt erscheinen, so blicken sie uns doch in sich ruhend entgegen. Sie klagen nicht an, sondern strahlen souveräne Gelassenheit aus, auch mit einem Anflug von Humor trotz aller unschönen Verformungen durch das Leben.

Margot Bergman, Monica, 2018, acrylic on canvas, 101,6 x 86,4 cm

Die schiere Lust an Malerei und spielerischem Findungsprozess zeichnet sich auch in der Werkgruppe der kindlichen Hasen aus. Margot Bergman führt das symbolbeladene Tier, das seit jeher mit Fruchtbarkeit und Sexualität in Verbindung gebracht wird, in die Nähe von Comic, Graffiti und Pop Art. In Chucky bildet eine Hasensilhouette den Rahmen für eine Mutter-Kind-Szene auf dem Kinderspielplatz. Oder in Peony verschmilzt die Kaninchenfigur mit einem Blumenstillleben auf einem rosaroten Hintergrund und lässt so ein sinnliches Gesicht mit grossen, verführerischen Lippen entstehen.

Margot Bergman, Peony, 2008, acrylic on canvas board, 40,6 x 30,4 cm

Auf die Frage, ob sie keine Skrupel habe, Bilder anderer zu übermalen, meint Margot Bergman, sie hätte gezögert, aber dann realisiert, dass sie zwar vom Werk anderer profitiert, dass aber diese Werke nur dank ihr überhaupt weiterlebten.

 

 

 

 

 

Fotos: © Museum Langmatt, Baden

Ausstellung bis 28.4.2019

Publikation mit Abbildungen und Texten von Britta Peters, Markus Stegmann und John Yau, 80 Seiten, dt./engl., Hardcover, CHF 28.00.

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