04.10.2018 - Andreas Iten

Gespräch mit dem Vater

Mein Vater und ich verstehen nicht, was in der Schweizerischen Politik vor sich geht.

Den ersten staatsbürgerliche Rat meines Vaters erhielt ich mit elf Jahren. Er lautete: „Was vo Bärn chunnt, muesch ablehne!“ Er war Bauer und ein Pragmatiker. Er misstraute der Politik. Er stellte sich gegen die Einführung der AHV. Die Bauern bekämpften sie. Warum, das weiss ich nicht mehr. Seinem Schlagwort folgte er ein Leben lang, besonders bei Fragen, die am Rand auch ihn zu berühren schienen. Als gegen das neue Raumplanungsgesetz 1979 das Referendum ergriffen wurde, kam es zwischen uns zu einer Kontroverse. Ich versuchte ihn für die Vorlage zu gewinnen. Er wiederholte seinen Spruch, der sich ihm offenbar eingeprägt hatte. Ich selber habe mir stets gut überlegt, ob ich einer Initiative oder einem Gesetz zustimmen sollte. Ich versuchte ihn zu bewegen, das Referendum abzulehnen. Als er hartnäckig bei seiner Meinung blieb, erinnerte ich ihn, dass er auch einmal gegen die AHV gestimmt habe und heute froh sei, dass er monatlich einen kleinen Betrag erhalte. Er wurde rot im Gesicht und schämte sich. Er war wohl überrascht, dass ich mich an seine damalige Meinung erinnert hatte.

 

Nun sind über siebzig Jahre vergangen. Ich neige ganz langsam seiner Ansicht zu. Der Missbrauch des Initiativrechts für parteipolitische Zwecke verstört mich. Am politischen Himmel herrscht eine unglaubliche Hektik. Es liegen und lagen seit Jahren endlos viele Initiativen auf dem Tisch des Bundesrats. Eine Hundertschaft von Beamten beschäftigt sich mit ihnen. Die Parteien blockieren sich gegenseitig. Der Bundesrat findet kaum Zeit, sich in Ruhe den grossen Fragen der Politik anzunehmen. Gewiss, jede Gruppierung hat das Recht, Stimmen für ihr Anliegen zu sammeln. Mein Vater hätte wohl von den vielen, die heute zur Debatte stehen, gerade noch die Hornkuh-Initiative befürwortet. Selbst die Velo-Initiative hätte er abgelehnt. Darüber hätte ich mit ihm vielleicht intensiv diskutiert. Ich war nämlich Militärradfahrer.

 

Ich bin überzeugt, dass er auch das Geplärre zur Selbstbestimmungs-Initiative im Nationalrat verfolgt hätte. Die Auftritte der Tenöre wären ihm auf die Nerven gefallen. Dieses Getöse, als ob die Schweiz bald untergehen würde, hätte er als grosses Theater wahrgenommen. Inzwischen hätte er gelernt, dass die Initiativen dem Parteiegoismus dienen und dem Land höchstens schaden. Wenn da ein Nationalrat sogar mit einer Marionette auftritt und ausruft, das Land hänge bald an den Schnüren des Auslandes, wäre von ihm sicher zu hören gewesen: „Was ist das für ein Kasperlitheater?“ Ob dies denn eigentlich kreativ sei, wie eine Zeitung schrieb? „Das ist doch ein kindisches Bubenspiel.“ Und ein sich selbst übersteigender Nationalrat, der alles besser weiss, sprach von der kalten Entmachtung des Volkes. Er finde dies besonders skurril, witzig wie ein schlechter Witz. Ob man denn das Vertrauen in das Bundesgericht untergraben wolle? Auf leisen Sohlen finde da ein Staatsputsch statt, musste er sich anhören. „So ein Blödsinn!“ Noch schlimmer übertrieben halte er, dass einer ausgeführt habe, international könne der Wind drehen und der ausländische Giftgaseinsatz falle auf die Schweiz zurück. „Wie doof sind die da oben eigentlich geworden?“

 

Vater ist schon lange gestorben, aber ich bleibe gerne mit ihm im Gespräch. Er hatte eine bodenständige Art und einen gesunden Menschenverstand. Heute neige ich seiner Meinung zu. Ich würde es ihm gerne noch sagen, aber dazu einschränkend bemerken, meine Meinung betreffe nur die Initiativen und die Referenden. Er solle stets abstimmen, wie es der Bundesrat empfehle. Er sei von allen, die politische Verantwortung tragen, die glaubwürdigste Instanz. Leicht ins Herz stechen könnte ich Vater, wenn ich bekennen würde, dass ich auch die Hornkuh-Initiative ablehne. Aber ich würde ihm freimütig gestehen, dass ich als ehemaliger Militärradfahrer seiner Idee folgend sogar die Velo-Initiative verworfen hatte, nicht, dass die Idee dahinter falsch war, sondern einfach deswegen, weil sie der Verfassung nicht würdig sei.

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