05.12.2018 - Hanspeter Stalder

Verbotene Liebe

Sebastián Lelio zeigt im Film «Disobedience» eine Liebesgeschichte zweier Frauen und einem Mann und macht erfahrbar, wie schwierig beides im Judentum ist.

Nachdem ihr Vater Rav, ein angesehener Rabbiner, gestorben ist, kommt Ronit (Rachel Weisz) aus Amerika zurück in ihre jüdisch-orthodoxe Gemeinde in England zu seiner Gedenkfeier, obwohl er sie verstossen hat, weil ihr Lebenswandel nicht seinen religiösen Vorstellungen entsprach, denn Homosexualität ist im orthodoxen Judentum nicht denkbar. Weshalb sie auch sehr abweisend empfangen wird. Schon bald trifft sie aber ihre frühere beste Freundin und Geliebte Esti (Rachel McAdams), die inzwischen mit ihrem Cousin Dovid (Alessandro Nivolo) verheiratet ist. Als die alte Geschichte wieder offenbar wird, löst es Turbulenzen aus; die Liebe zwischen den beiden Frauen aber entflammt sich neu.

Was Sebastián Lelio aus dem gleichnamigen Roman von Naomi Alderman von 2006 macht, ist eindrücklich und erhellend. Er führt uns in die Innenwelt des orthodoxen Judentums und leuchtet die Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie zwischen Frau und Frau aus.

Ronit und Dovid, Cousine und Cousin

Vorbemerkungen des Regisseurs (in einem Interview)

Hatten Sie, die Sie chilenischer Herkunft sind, keine Angst, sich auf eine orthodoxe jüdische Gemeinde in Nord-London einzulassen?

Der orthodoxe jüdische Kontext ist sehr wichtig, doch das eigentliche Thema des Films übersteigt die kulturelle Besonderheit, ist universell.

Wie können Sie die Beziehung zwischen Ronit und Esti qualifizieren?

Ronit ist eine moderne, rebellische Frau, die ihren Ursprüngen entflohen ist. Esti bleibt in ihrer Gemeinde und flieht vor ihrer wahren Identität.

Können Sie mir etwas über die Beziehung zwischen Ronit und Esti erzählen und wie Rachel Weisz und Rachel McAdams sie fütterten?

Ich folgte meiner Intuition, dass das Treffen zwischen den beiden Frauen schön sein und Momente der Gnade hervorrufen würde. Ronit und Esti sind in meinen Augen zwei Seiten derselben Person. Doch beide bezahlen einen hohen Preis.

Warum ist diese Geschichte wichtig?

Bei Ungehorsam geht es um Beziehungen zwischen Menschen, die trotz eines von Dogmen geprägten Umfeldes versuchen, ihr Bestes zu geben. Die Charaktere sind bereit, sich zu entwickeln und zu verändern, doch um dies zu erreichen, müssen sie sich mit starren Institutionen auseinandersetzen. Dieser Konflikt spiegelt wider, was heute alle Gesellschaften erleben, wo alte Vorbilder nicht mehr genügen. Ich habe das Gefühl, dass es nötig ist, dieses Projekt auf die Leinwand zu bringen.

Betende Juden und Ronit am Grab von Rav

Eine Geschichte, die zum Kern führt ...

In «Disobedience» wird von der ersten bis zur letzten Einstellung orthodoxes jüdisches Leben beschrieben, verdichtet in drei Personen: Ronit, die ihre Gemeinschaft verlassen und sich nach Amerika absetzen musste; Esti, die frühere Geliebte von Ronit, die zwischenzeitlich Dovid geheiratet hatte; Dovid, der als Erbe seines verstorbenen Vaters, der in der Gemeinde hohes Ansehen genoss, sich zwischen den beiden Frauen bewegt.

Ausführlich könnte man das beschreiben, was zwischen diesen drei Menschen abläuft: Wie sie aufeinander zugehen, sich ausweichen, sich öffnen, sich verweigern und ihre Entscheide ändern – ablesbar in Haltungen, Gesten, Blicken, ausgedrückt in Worten und im Schweigen sowie in der Bildgestaltung, farblich meist in Grün-Blau-Grau-Tönen.

Ronid, Esti und Dovid, bei der Schabath-Feier

... in drei Skandalen sich äussert ...

Bei Esti und Dovid klingt es an: die Absolutheit, dass Freundschaft und vor allem Liebe zwischen Mann und Frau im orthodoxen Judentum nur in der Ehe erlaubt ist und vom Mann bestimmt wird. Entsprechend passiv leidend blickt Esti drein, als Dovid sie am Freitag vor dem Schabath unter der Bettdecke im Auftrag der Religion besteigt. Als Skandal empfinde ich es, wenn Liebe ausschliesslich auf die zwei Menschen eingeschränkt wird, die mit dem Zweck, Kinder zu zeugen, verkoppelt wurden.

Ein zweiter Skandal besteht in der Tatsache, dass Ronit wegen ihrer Liebe zu Esti aus der Familie und der Gemeinschaft ausgestossen wurde und ins Ausland fliehen musste. Lesbische Beziehungen sind im orthodoxen Judentum verboten, Homosexualität gibt es offiziell nicht. Ronit wird von den Männern der Gemeinde wie eine Pestkranke wahrgenommen und gemieden. Mit diesem Gebot respektive Verbot wird etwa einen Fünftel der Bevölkerung aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

In der Darstellung des leidenschaftlichen Liebesaktes zwischen Ronit und Esti ist Sebastián Lelio weit gegangen: schön und intensiv für die einen, obszön und pervers für die andern; denn dabei vereinigen sich Körpersäfte der beiden Frauen. Aus künstlerischen Pornofilmen sind solche Handlungen bekannt, doch kaum jemals in solcher Intensität wie hier in «Disobedience». Das ist mehr als Sex, kommt vom Innersten und geht zum Innersten. Doch das dürfte für andere Leute ein Skandal sein.

Dovid und Esti, angesichts ihrer Lage

... und in einem offenen Schluss endet.

Die hier herausgearbeiteten Skandale bilden den Untergrund, über dem sich eine unterhaltsame, berührende, herausfordernde Geschichte mit den drei Hauptpersonen bewegt. Dass es diese Konflikte nicht bloss im orthodoxen Judentum gibt, sondern ebenso im Christentum und im Islam, in den drei Religionen, deren Bücher vor 6000, 2000 oder 1500 Jahren von Männern verfasst, während Jahrhunderten weiterentwickelt wurden und heute von Männern dominiert werden: Das ist für mich menschenunwürdig, vor allem frauenverachtend! Ein Blick in den aktuell in den Kinos laufenden Film «#Female Pleasure» erklärt dies mit weiteren Belegen.

«Ich möchte, dass du mich frei gibst», bittet Esti mehrmals ihren Dovid. Und zum Schluss beginnt ein Crescendo der Meinungen, Hoffnungen und Ängste, welche die ganze Breite des Themas durchspielt. «Wir sind frei zu wählen», heisst es, «du bist frei», danach, und der Film schliesst mit einer berührenden Umarmung.

Vom Nein zum Ja in «Gloria», «Una mujer fantástica» und «Disobedience»

In Lelios vorletztem Erfolgsfilm «Gloria» von 2013 beginnt Gloria ihre Träume zu leben und findet zu sich. Im letzten, dem mit einem Oscar ausgezeichneten «Una mujer fantastica», von 2017 geht Marina entschieden ihren Weg und kommt ans Ziel. In «Disobedience» stehen die Protagonisten nicht nur ein paar Menschen gegenüber, sondern einer weltweiten Religion und dahinter unzähligen Männern, die seit Jahrtausenden ihre Macht ausüben gegenüber Frauen – bis endlich ein Mann die Erlaubnis gibt für den Schritt in die Freiheit.

Titelbild: Esti und Ronid (v.l.), das Liebespaar

Regie: Sebastián Lelio, Produktion: 2018, Länge: 114 min, Verleih: Pathé Films

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