05.02.2019 - Eva Caflisch

Zürich im Museum – einfach faszinierend

Das Landesmuseum öffnet mit Einfach Zürich seinem Standort ein Schaufenster voller Highlights

Kein Ortsmuseum, sondern auf vergleichsweise bescheidenen 330 Quadratmetern ein Hotspot als verdichtetes Bild von Geschichte und Gegenwart der Wirtschaftsmetropole und ihres Umlands, und das ganze dank einer positiven Volksabstimmung erst noch finanzierbar, freuen sich die Paten des Projekts, Kulturdirektor Peter Haerle von der Stadt und Staatsarchivar Beat Gnädinger vom Kanton bei der Eröffnung. Die kulturhistorischen Schätze der Region sind nämlich seit über hundert Jahren Teile der nationalen Sammlung, kamen mit der Eröffnung des Landesmuseums 1898. So wird das neue „Zürcher Schaufenster“, laut Museumsdirektor Andreas Spillmann, nun zu einer Hommage an den Standort. Was ab jetzt als Dauerausstellung, gebaut von HolzerKobler Architekturen, gefüllt von Heller Enterprises, präsentiert wird, sind Schlaglichter auf die Identität und Geschichte, aufbereitet mit aktuellster Technologie in drei Räumen.

Vielfalt der Gemeinden in Miniclips

Zunächst verblüfft, erfreut, irritiert eine Skulptur der Künstlergruppe mickry 3, die (fast) alles umfasst, was in Zürich auffällt, angefangen beim See – dargestellt mit einer Badenden, die zwei Besucherinnen gleich als zu sexistisch kommentierten – dann selbstverständlich der Böögg, aber auch die Stadtheiligen Felix und Regula oder die Rote Fabrik. In diese spielerischen Sicht besonderer Orten passen auch die Emma-Kunz-Grotte in Würenlos oder der Rheinfall, denn Zürich hat nicht nur eine Mitte, sondern auch Ränder.

Krieg auf dem Zürichsee, 1444. Aus der Eidg. Chronik von Werner Schodoler 1510 und 1535. Stadtarchiv Bremgarten

Hinter dem mit Lehm und Farbe gestalteten Bergmassiv, das die Besucher erst mal aufhält und einstimmt, erschliesst sich der ganze Kanton mit seinen Gemeinden in einer Videoinstallation. Sie umfasst das Leben und Treiben der Gemeinden in je 30-Sekunden-Spots, wobei nicht nur Pfungen oder Bülach Gemeinde sind, je ein Spot ist der Bündner oder der Deutschen Gemeinde im Zürcher Exil gewidmet. Gesucht waren keinesfalls Werbeclips, betont Ausstellungsmacher Martin Heller, sondern Porträts, die mit einem Augenzwinkern die Vielfalt des Zusammenlebens zeigen. Wie die ganze Ausstellung ist auch hier alles in vier Sprachen – deutsch, französisch, italienisch und mit Blick auf die zu erwartenden Touristenströme auch englisch.

Blick auf die Schätze in den Vitrinen. Schweizerisches Nationalmuseum

Im zentralen zweiten Raum steht wiederum ein Gebirge, nämlich ein fast bis an die Decke reichender Kubus, in den kleinere und grössere Vitrinen eingelassen sind. Insgesamt sind es 100 Glaskästen und -kästchen, in sechzig davon steckt je ein Gegenstand – typisch für die Geschichte von Stadt und Kanton Zürich seit dem römischen Castrum auf dem Lindenhof bis zu neueren Objekten wie einem Gummigeschoss oder dem orangen Shoppi vom Shoppingcenter Spreitenbach. Diese Gegenstände erzählen Geschichten, zusammengetragen aufgrund einer Idee der Historikerin Regula Bochsler. Zu jedem Objekt wurden Bilder gesucht und knappe Texte verfasst, die seine spezifische Geschichte für ein breites Publikum von Schulklassen bis zu Touristen erzählen: Auf jeder Seite des Kubus steht ein grosser Touchscreen, wo die ausgestellten Gegenstände aufgerufen werden können. so dass sie erzählen, warum sie in die Vitrine kamen. „Wir haben keinen Unterschied zwischen High und Low gemacht,“ sagt Bochsler und nennt als ihren wertvollsten Gegenstand nicht eine mehrere Jahrhunderte alte Silberarbeit, sondern die originale Fahne der Republik Bunker.

Musterbuch der Zürcher Seidenindustrie. Verein Einfach Zürich. Bild Mara Truog

Was hinter der Migros-Kernseife, dem Flugzeug-Modell oder dem Ochsner-Kübel erzählt wird, ist vorstellbar, aber was hinter der Wahlurne oder dem Charlestonkleid steckt, überrascht: im letzten Fall ist es die Geschichte der Zürcher Schwulenbewegung, im ersten der Kampf ums Frauenstimmrecht. Und öfters erweitern die kurzen Bilderzählungen auch den Horizont von Leuten, die meinen, sie kennten Zürichs Geschichte, beispielsweise jene von dem Musterbuch mit Seidenstoffen, das zwar für die Zürcher Seidenindustrie steht, aber auch erzählt, wie die Stadt dazu kam: Reformierte Flüchtlinge aus Locarno bekamen im 16. Jahrhundert Asyl, man liess sie wirtschaftlich gewähren und die Seidenzucht und -verarbeitung einführen, aber schaffte sie wieder aus, als Zürcher das Gewerbe übernehmen konnten. So entpuppt sich der „Schatzkammer“ genannte Ausstellungsraum als Fundus für viele bekannte, aber auch viele unbekannte Geschichten.

 

WC-Schild bei Google in Zürich. Verein Einfach Zürich. Bild Mara Truog

Im dritten und letzten Raum muss man weniger denken und verstehen, hier darf man sich hinsetzen, staunen und geniessen, nachdem der erste Schwindel überwunden ist. Raumfüllend laufen auf den Wänden hochspannende, in ihrer Transparenz faszinierende Bilder aus Stadt und Kanton auf einem Klangteppich mit Originaltönen ab. Was sich anbietet wie Überblendungen einer ganz neuen Sorte nennt sich Punktwolke. Sie besteht aus vielen Milliarden Vermessungspunkten, die ein ETH-Team mit neu entwickelter Technik visualisiert und für die Ausstellung durch den Spinoff Scanvision umgesetzt hat. Vier Reisen in ungeahnte und gleichzeitig völlig bekannte Sphären sind möglich:

- der Hauptbahnhof samt Untergrund
- die Industrialisierung im Tösstal
- die Geschichte des Trinkwassers
- der Lindenhof als Geburtsort Zürichs, Park und Parkhaus.

Milliarden von Laserpunkten ergeben Punktwolke. Jan Bitter/HolzerKobler Architekturen

Hier kann man aktuellste Forschung erleben, nämlich statt einer Videoinstallation ein hochkomplexes völlig neuartiges System der Vermessungstechnologie, das künftige Möglichkeiten der Visualisierung demonstriert.

Einfach Zürich will nicht nur ein Ausstellungsprojekt sein, sondern ein Kulturprogramm, welches aus dem Museum hinaus führt und jährlich Schwerpunkte setzt. In diesem Jahr wird das Thema Wildes Zürich gestartet.

Näheres erfahren Sie auf der Website von Einfach Zürich.
Informationen zur Dauerausstellung, zu der übrigens der Eintritt gratis ist, gibt es beim Landesmuseum.
Teaserbild: Schweizerisches Nationalmuseum

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